Standards und mobile Roboter – (Wie) passt das zusammen?

Mögen Sie Kaffee? Egal, womit Sie ihn verfeinern – ob mit Milch oder einem Milchersatzprodukt –, und auch, wenn Sie lieber Tee, Saft, Mineralwasser oder Softdrinks trinken, ist es unmöglich, ihnen dabei aus dem Weg zu gehen: Standards und Normen. Jede und jeder von uns ist in allen Lebensbereichen von ihnen umgeben und betroffen. Das ist nichts Schlechtes. Schließlich garantieren uns Standards gleichbleibende Qualität, sorgen für Sicherheit und vereinfachen hier und da die Kommunikation.

Letzteres gilt ebenso für die Welt der Maschinen und mobilen Roboter.

Wir haben mit unserem CPO Dr. Lennart Bochmann über das Thema gesprochen.

Welche Bedeutung haben Standards und Normen ganz allgemein? Gelten sie nicht weithin als Innovationsbremse und belächeltes Übel, denkt man zum Beispiel an den vorgegebenen Krümmungswinkel der in Europa verkauften Bananen?  

Dr. Lennart Bochmann: Unsere Intuition mag es zunächst vielleicht vermuten lassen, dass Standards Innovationen und Weiterentwicklung bremsen. Aber historisch betrachtet haben Normen in der Menschheitsgeschichte einen immensen Beitrag geleistet hinsichtlich Effizienz, Sicherheit, Wachstum und letztlich Wohlstand: Nachdem die Stromversorgung genormt wurde, florierten die Stromnetze. Kraftstoffe wurden damals genormt, weil das unerlässlich war für die Massenproduktion des Autos. Und blickt man auf die globale Logistikkette, haben Containernormen – 20 Fuß und 40 Fuß lange Container – die Versandlogistik revolutioniert. Es gibt noch unzählige weitere Beispiele, weshalb Standards sinnvoll und fundamental wichtig sind. Letztlich treiben sie Innovationen also voran und ermöglichen massive Effizienzsteigerungen. Überträgt man diesen Gedanken nun auf die Welt der mobilen Roboter, können Logistik-Verantwortliche ihre Intralogistik um ein Vielfaches kosteneffizienter machen, wenn ihre mobilen Roboter trotz ihrer Verschiedenheit alle zusammen gesteuert werden können. Dies gelingt mit der Schnittstelle VDA 5050.

Wäre solch ein Schnittstellen-Standard für mobile Roboter denn international durchsetzbar? Denn es gibt noch eine ganze Reihe anderer Schnittstellenstandards.

Dr. Lennart Bochmann: Fakt ist: Eine gut abgestimmte, weil automatisierte, Intralogistik kann maßgeblich zum Erfolg oder Misserfolg der weltweiten Lieferketten beitragen. Doch vielerorts verlangsamt sie als Flaschenhals noch die Prozesse. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar, ob sich VDA 5050 als Standard für mobile Roboter überall auf der Welt durchsetzen wird. Doch diverse Projektankündigungen und Ausschreibungen zeigen, dass VDA 5050 nicht nur von Kunden in Deutschland, sondern in ganz Europa und auch zum Beispiel in den USA aktiv nachgefragt wird. Wir sprechen aktuell mit einigen US-Konzernen und sind sehr erfreut zu hören, dass sie von der VDA 5050-Idee überzeugt sind und mit uns mitgehen. Sie drängen jetzt sogar ihre Hardware-Partner dazu, sich mit der VDA 5050-Thematik auseinanderzusetzen. Grundsätzlich beobachten wir diese Entwicklung Richtung VDA 5050 aber nicht nur in der Automobilindustrie, sondern auch in vielen anderen Branchen.

Wir sind davon überzeugt, dass es wäre für alle Marktteilnehmer von großem Vorteil wäre, sich auf einen Standard zu einigen. Denn solange das noch nicht der Fall ist, müssen sich die Kunden von mobilen Robotern auf mehrere unterschiedliche Schnittstellen einstellen. Somit zahlen sie den Preis dafür, dass sich die Anbieter nicht auf einen Standard einigen.  

Bezogen auf den zweiten Teil der Frage: Natürlich schauen wir uns auch andere existierende Standards und gängige Schnittstellen an, wenn wir mit Endkunden über mögliche Integrationsszenarien sprechen. Damit kompensieren wir einerseits die fehlende Marktdurchdringung von VDA 5050. Andererseits stellen wir uns damit flexibel genug auf, um individuelle Kundenanforderungen und -szenarien bedienen zu können. Wir bieten mehrere Integrations-Optionen an und arbeiten auch mit Kunden zusammen, die keine auf einem Schnittstellen-Standard basierende Hardware betreiben. Denn wir wollen, dass unsere Kunden beim Betreiben ihrer Intralogistikflotte flexibel bleiben können, um operative Exzellenz zu erreichen.  

Es gibt außerdem noch einen ganz anderen wichtigen Aspekt, was Standards betrifft...

...und der wäre?

Dr. Lennart Bochmann: Wann immer ein Standard eingeführt wird, bildet sich eine große Gemeinschaft vieler Experten drum herum. Sie stellen den Status Quo permanent in Frage. Dadurch werden Wert und Daseinsberechtigung eines Standards noch weiter erhöht und gestärkt.

Weltrekord: Auf dem IFOY AGV-Mesh-Up 2022 steuerte SYNAOS als erstes Unternehmen der Welt sieben AGVs und AMRs von verschiedenen Herstellern gleichzeitig!

Es gibt Stimmen im Markt, die behaupten, dass VDA 5050 noch überhaupt nicht reif ist für den Einsatz in der Praxis. Was ist dran an dieser Behauptung?

Wir wundern uns sehr über solche Behauptungen zum Reifegrad und können das nicht nachvollziehen. Denn wie will man sonst skalierbare Interoperabilität erreichen? Tatsache ist, dass wir derzeit mehrere VDA 5050-Versionen in einigen Kundenprojekten produktiv einsetzen. Bei einem Kunden steuert unsere SYNAOS Intralogistics Management Platform mit der VDA 5050-Schnittstelle sehr erfolgreich sogar weit über 100 Transporteinheiten gleichzeitig. Und ohne VDA 5050 wäre unser Weltrekord in diesem Jahr auch gar nicht möglich gewesen: Während des AGV Mesh-Up 2022 auf der IFOY AWARD-Veranstaltung des VDMA haben wir mit unserer SYNAOS IMP sieben AGVs und AMRs von verschiedenen Herstellern gleichzeitig gesteuert. Entscheidend für unseren Erfolg mit VDA 5050 war und ist auch unser breitgefächertes Partnernetzwerk, mit denen wir erfolgreich die VDA 5050-Weiterentwicklung umgesetzt haben und die Verbreitung weiter vorantreiben. SYNAOS ist führend beim Einsatz dieser herstellerunabhängigen Schnittstelle und hat mit über 25 Mobile Robot-Partnern das größte Netzwerk in der Industrie. Diese Fakten sprechen für sich und zeigen, wie effektiv und ausgereift diese Kommunikations-Schnittstelle ist.

SYNAOS gehört auch zu den ersten Anwendern von VDA 5050. Als einziger Anbieter stellen wir eine Multiversionsunterstützung dafür bereit. Nächstes Jahr wollen wir weitere VDA 5050-Versionen hinzufügen, um unseren Kunden und Partnern maximale Flexibilität zu bieten.

So sah der Mesh-Up in der SYNAOS Intralogistics Management Platform aus.

Gelingt denn mit Hilfe der VDA 5050-Schnittstelle die Integration sowohl von Automated Guided Vehicles (AGVs) als auch Autonomous Mobile Robots (AMRs)?

Dr. Lennart Bochmann: Die ersten Versionen der VDA 5050 wurden ganz bewusst nicht mit dem Fokus auf AMRs, sondern auf AGVs entwickelt. Wenn zentrale und dezentrale Lösungen konsolidiert werden, werden dadurch leider auch die jeweiligen Alleinstellungsmerkmale der in einer Flotte befindlichen AMRs beeinträchtigt, um einen Mehrwert für den Kunden zu schaffen. Wir sehen das ganz realistisch, und natürlich sind wir uns durchaus bewusst, dass VDA 5050 noch keine perfekte Standardlösung für die Welt der mobilen Roboter darstellt. Doch das beeinflusst nicht unsere Meinung und die Tatsache, dass sich mit VDA 5050 auch AMRs vollständig integrieren lassen, was zum Beispiel beim eben erwähnten Mesh-Up mit AMRs des Herstellers Omron bereits gezeigt wurde.

Und wie bereitest du dir deinen Kaffee am liebsten zu? Mit einem Automaten oder einer Handpresse?

Dr. Lennart Bochmann: Ich habe eine Siebträger-Maschine. Cappuccino mit Hafermilch trinke ich am liebsten.

Tauchen Sie hier tiefer in das Thema ein und lesen Sie unsere Stellungnahme zu VDA 5050 in voller Länge.

Dr. Lennart Bochmann
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Chief Product Officer & Co-Founder
Dr. Lennart Bochmann

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